Brücken: Wegbereiter oder Hindernis?

Gestern war ich spazieren. Mit Kamera. Ich habe dann immer das Gefühl, dass alles um mich herum zum potentiellen Motiv wird. Ich sehe dann alles wie durch eine Linse, die überlegt, ob sie das was sie sieht festhalten möchte. Auf einer meiner Standardrouten im Wald komme ich an dieser einen Hängebrücke vorbei. Sie ist wie jede andere Brücke, mit der Ausnahme, dass sie in der Mitte noch einmal mit Balken unterlegt ist, sodass sie dort nicht wackelt, sondern fest ist. Es ist angenehm auf ihr zu gehen. Zunächst wackelt sie ein wenig, in der Mitte ist sie fest und dann wieder ein wenig Wackeln. Unter ihr verläuft ein kleiner Bach und es ist schon fast so idyllisch, dass ich mich jedes Mal ein wenig kneifen müsste, um zu wissen, dass ich nicht im Waldwunderland bin. Traumhaft eben. Ich habe mir über Brücken aber noch nie in dem Maße Gedanken gemacht. Ist da ein Fluss, ein Tal oder eine andere Vertiefung zwischen zwei Erhöhungen, sind Brücken dazu da die zwei Erhöhungen so miteinander zu verbinden, sodass es möglich ist, diese mit einem Fahrzeug oder zu Fuß ohne Umwege zu überqueren. Im Grunde ist das zunächst alles. Funktional, praktisch, zweckmäßig.

Aber was wäre wenn sich zwischen einem Tal, einer Vertiefung oder einem Fluss keine Brücke befinden würde, die wir bequem überschreiten könnten? Was wäre wenn wir gezwungen wären in die Tiefe und von dort wieder hoch zu gehen? Was wäre, wenn wir vielleicht die Brücke sehen würden, aber keine Ahnung hätten wie wir sie bewältigen könnten? Was wäre wenn…? Nicht was wäre wenn, sondern: Was ist? Was kann ich aktiv tun, um die Brücke zu sehen? Was kann ich aktiv tun, um die Brücke zu überqueren? Was hindert mich daran die Brücke zu überqueren? Was hindert mich daran Wege zu gehen, wenn die Brücke nicht da oder kaputt ist?

brücke_ende

Brücken sind da, um den Weg zu verkürzen. Brücken sind da, um einen Umweg zu vermeiden. Brücken sind da, um nicht in die Tiefe, nicht in das Tal und nicht durch den Fluss zu gehen. Brücken sind nichts Schlechtes, sie vereinfachen uns den Weg. Aber mit ihr wissen wir nie, welche Erfahrungen wir gemacht hätten, wenn wir den anderen, den längeren Weg gegangen wären. Mit ihr fehlt uns ein Stück Erfahrung. Sie ist zweckmäßig, praktisch, funktional. Sie erspart uns Wege. Aber woher wissen wir, ob die Wege, die wir ohne sie hätten einschlagen können, nicht vielleicht bessere gewesen wären? Wissen wir am Ende der Brücke, dass der Weg gut war, nur weil er bequemer war? Wissen wir welche Erfahrung wir vielleicht durch unsere Wahl vermieden haben oder erlangt hätten?

Am Ende ist eine Brücke eine Brücke. Nicht mehr und nicht weniger. Sie verbindet zwei Erhöhungen. Zwischen ihr ist Tiefe, Tal, Wasser, vielleicht Unbekanntes. Die Entscheidung liegt bei uns, welchen der beiden Wege wir wählen und auf welche Erfahrung wir dadurch zurückblicken. Am Ende liegt es an uns zu entscheiden, ob wir über die Brücke gehen oder den anderen Weg über die Vertiefung wählen. Am Ende liegt es an uns zu entscheiden, wie wir von der einen Erhöhung auf die andere Erhöhung kommen. Es liegt an uns zu entscheiden, welchen Weg wir gehen möchten. Es liegt an uns, welche Erfahrung wir bereit sind zu machen.