Viereinhalb Stunden: Wenn der Zug zum Wohnzimmer wird

Unterwegs. Nach Hause bzw. in die Heimat. Viereinhalb Stunden. Einmal quer durch Deutschland von Leipzig nach Karlsruhe. Kurz vor der Abfahrt betrete ich das Zugabteil, 2. Klasse, Viererplatz, mit Tisch selbstverständlich. Noch das Handy am Ohr, versuche ich ungeschickt meinen Koffer auf die Ablagefläche über den Sitzen zu hieven. Es klappt  natürlich nicht, also kurz das Handy weg legen, Koffer hoch und wieder weitertelefonieren. Umständlich versuche ich mich im Stehen meiner Jacke zu entledigen, etwas doof mit einem Gespräch am Ohr und während das Telefon zwischen Ohr und Schulter ruht. Ungeduldig ziehe ich mit der freien Hand am Ärmel bis ich die Jacke nach gefühlt drei Minuten endlich aus habe und lasse mich in den Sitz fallen, der sich ungewöhlich hart anfühlt, sodass mein Po sich schon jetzt auf das erste Taubheitsgefühl freut. Als der Zug aus dem Bahnhof losrattert werfe ich einen Blick auf’s Handy: 17:43 Uhr. Ursprüngliche Abfahrtszeit 17.33 Uhr. Die erste Verspätung – na, klasse!

17.50 Uhr
Das Gespräch ist mittlerweile beendet und die viereinhalb Stunden machen sich breit wie ein großer, zäher Kaugummi. Schnell ins Internet, einloggen, anfangen zu tippen. Viereinhalb Stunden sind verdammt viel Zeit. In viereinhalb Stunden könnte ich von mir daheim einmal zum See laufen und meine Füße ins Wasser hängen. In viereinhalb Stunden könnte ich ein 3-Gänge-Menü kochen und von Nudeln über das Parfait am Ende alles selber machen. In viereinhalb Stunden könnte ich einen gemütlichen Mädelsabend genießen. In viereinhalb Stunden könnte ich so viel machen, wenn ich nicht im Zug sitzen würde. Da ich im Zug sitze, passe ich mich diesem Umstand an, denn hier ist weder ein See, noch eine Küche (außer das Bordbistro, wenn man das Küche als bezeichnen kann), noch eine schicke Bar.
Der Laptop ist geladen, ein Notizbuch steckt in der Tasche, etwas zu lesen habe ich auch mit und ohne Musik verlasse ich sehr selten das Haus. Viereinhalb Stunden können nämlich verdammt lang sein, wenn man nichts bei sich hat und das einzige Kino entweder die Menschen im Zug sind, wobei die Wahrscheinlichkeit, dass tatsächlich etwas Interessantes passiert hier gering ist, oder die Landschaft jenseits des Zugfensters (für fünf Minuten vielleicht ganz nett, bei Dunkelheit wohl extrem spannend). Also warum nicht den Zug in das heimische Wohnzimmer verwandeln?! Der Laptop steht aufgeklappt vor mir, mein Wegproviant liegt auf der Tasche und das Wasser ist griffbereit. Natürlich ist es nicht ganz das Wohnzimmer, denn das gleichmäßige Rattern und Quietschen erinnert weniger an die Ruhe daheim bei geschlossenen Fenstern, vollkommen fremde Menschen wären wohl auch eher nicht Bestandteil auf meinem Sofa und ich bewege mich immerhin einmal quer durch Deutschland ohne mich in eine Decke einmummeln zu können. Heimisch ist es vielleicht nicht, aber ich mache das Beste aus dem Umstand mich nicht in der Komfortzone „Wohnung“ zu befinden.

An Euch: Was habt ihr bei einer Zugfahrt immer in der Tasche? Oder besser: Was würdet ihr auf eine einsame Insel mitnehmen, wenn ihr dort viereinhalb Stunden alleine wärt (denn eine Zugfahrt kommt dem ziemlich nahe)?